Nadine (10 Jahre, 2000)

 


"Eine ganz normale Familie . . ."

. . . wären wir wohl ohne Imke und Nadine auch nicht. Aber so "in aller Welt verstreut " wie in diesem Sommer 1999 werden wir wohl so schnell nicht wieder sein: Dörte (19 J.) auf einem Jugendcamp in Italien, Michael (13 J.) zu Besuch in den USA bei der Familie, in der Dörte während ihres Schüleraustauschjahres gelebt hat, Imke (17 J.) auf einer Kirchenfreizeit in Schweden, Nadine (9 J.) bei ihrer Patentante in Nordrhein-Westfalen und wir, die Eltern haben Freunde in Schweden besucht. Nur die Oma ist zu Hause geblieben.

Jetzt sind wir nur zu fünft (Imke, Nadine, die Oma, mein Mann und ich) auf "unserem" Campingplatz (in Fanø, Dänemark). Dieses Mal auf ganz besonderen Wunsch von Nadine. Sie genießt es, selbstständig loszugehen, um auf dem Spielplatz mit den anderen Kindern zu spielen:



Eine Szene dort hätte besser für eine Mathematik-Lehrprobenstunde Klasse 1 nicht sein können:
Rechnen mit allen Sinnen!
Auf dem Hüpfkissen sind etwa 12 Kinder im Alter von 5 - 10 Jahren. Ein tolles Gefühl ist es, auf dem Luftkissen zu liegen und durch die anderen Kinder hochzufliegen.
Die Spielregel:
"Wir hüpfen zusammen und bei drei lassen wir uns alle gleichzeitig auf unseren Po fallen. Dann fliegt Pia hoch. Zehnmal darf sie hochfliegen. Einmal haben wir sie jetzt hochfliegen lassen, jetzt darf sie nur noch neunmal. . . . viermal ist Pia jetzt hochgeflogen, jetzt darf sie noch sechsmal. . . eins, zwei, drei wird zigmal gezählt."
Ich glaube, jetzt vergisst Nadine beim Zählen die Zahl zwei nicht mehr.

Die Kerngruppe der Kinder ist für einen Urlaub nahezu konstant. Viele kennen sich schon von den vorhergehenden Jahren. Oft beantworten sie dann auch schon Fragen bezüglich Nadines Anders-Sein.
Wie heißt du? Wie alt bist du? Sprichst du deutsch, dänisch, englisch, holländisch? In welche Klasse gehst du? Warum kannst du noch nicht so gut sprechen?

Sind die Kinder so fröhlich beschäftigt, können sich die "Großen" auch entspannen und mal lesen, handarbeiten oder klönen. Zwischendurch werden dann Unternehmungen gemacht: Schwimmen, Rad fahren, Bummeln, Eis essen, kulturelle Sehenswürdigkeiten . . .

Mette, Nadines Freundin aus Kirchlinteln ist auch mit hier. Zu Hause wohnt sie in unserer Straße und war mit Nadine in einer Kindergartengruppe:



Meine Freundin Nadine und ich

Nadine und ich spielen oft zusammen. Und wir fahren auch beide nach Fänö. Wir spielen oft zusammen auf dem Spielplatz. Wir springen auf dem Hüpfkissen. Nadine und ich spielen oft Computer. Nadine und ich spielen mit (dem Hund) Arno immer draußen und werfen den Stock weg.
Mette (Sommer 1999)



Computer spielen ist eines der liebsten Dinge, die Nadine kann (das hat sie von ihrem Vater;der bestreitet aber heftig, dass er mit dem Computer spielt!).

Wenn Freunde uns besuchen, muss Nadine ihnen erst einmal ihr Zimmer und ihren Computer vorführen. Da gerät manch einer in Erstaunen, wie geschickt Nadine mit ihrem PC arbeitet. Auch auf fremden PCs hat sie den Spielgedanken und die -technik schneller erfasst als ich!

Nadine und ihr Bruder Michael haben ein ganz besonders enges Verhältnis zueinander. Er hat oft gesagt: "Wie gut, dass wir Nadine bekommen haben und nicht ein anderes Kind ohne DOWN-Syndrom." Bekommt Michael Besuch, darf Nadine in der Regel bei den Jungen mitspielen.
Seit er zum Gymnasium geht, ist das gemeinsame Spielen seltener geworden.

Ich hatte zuerst Sorgen, ob man auchim Dorf Nadine so aufnehmen würde, wie es für Imke gewesen ist. Aber:
Auch Nadine wurde selbstverständlich akzeptiert, als ob sie hier geboren wäre!

Nadine hat, wie ihre großen Geschwister ebenfalls, den Kirchlintelner Kindergarten besucht.

Nadine war in Kirchlinteln im Kindergarten zuerst in den Nachmittagsgruppen: Mutter und Kind im nächsten Jahr an einem Nachmittag im darauffolgenden Jahr an drei Nachmittagen in der Woche und dann über den Einzelintegrationserlass gemäß dem niedersächsischen Kindertages- stättengesetz drei Jahre lang in der Vormittagsgruppe.

Nadine ist immer sehr gern in den Kindergarten gegangen, ganz im Gegensatz zu ihrem großen Bruder. Dem waren das zu viele Kinder, es war ihm zu unruhig. Nadine konnte nicht genug Trubel haben. Sie hat am liebsten morgens erst einmal eine Runde getobt und mit den wilden Jungen "gekämpft". Das mag sie auch heute noch sehr gern. Wir haben im Dorf eine Familie besucht, deren Sohn in Nadines Gruppe gewesen ist. Nadine war etwa ein Jahr lang nicht mehr bei ihm gewesen. Sie traute sich nicht in sein Zimmer zu gehen und mochte ihn auch gar nicht fragen, ob er Orangensaft trinken wollte. Nadine ging auf den Spielplatz nebenan. Eine halbe Stunde später hatte sich die alte Vertrautheit zwischen beiden Kindern wieder hergestellt:
Sie balgten sich auf dem Spielplatz.
Imke (heute 17 Jahre) hatte 10 Jahre vorher denselben
Kindergarten besucht, damals war von der Gemeinde eine ABM-Kraft und dann eine Erzieherin über "Arbeit statt
Sozialhilfe" als zusätzliche Kraft in der Gruppe.

Für Nadine war eine "heilpädagogische Fachberatung" gewährleistet. Die Heilpädagogin war zuerst zwei später einen Tag pro Woche in der Gruppe und hat zusätzlich viele viele Gespräche geführt: mit den Kindern, den Erzieherinnen der Gruppe und des Kindergartens, den Eltern vieler Kinder.

In Nadines erster Tanzstunde wollte ein Mädchen nicht neben ihr sitzen. Da habe ich mich mit dazu gesetzt und mit den Mädchen geredet:
"Ich habe bemerkt, dass einige von euch nicht so gern neben Nadine sitzen möchten und sie nicht anfassen mögen. Euch ist aufgefallen, dass Nadine nicht alles so schnell lernt, wie ihr und sie kann noch nicht so gut sprechen.
Nadine ist irgendwie anders als ihr. Das nennt sich DOWN-
Syndrom. Nadine mag aber Musik unheimlich gern, sie lernt gerade Fahrrad fahren ohne Stützräder und tanzt sehr gern, das tut ihr doch bestimmt auch. Außerdem mag Nadine gern Walt Disney, «Aladdin und die Wunderlampe» ist ihr Lieblingsfilm."
Als ich das sagte, war "das Eis gebrochen", die Kinder mochten diesen Film auch gern. Nadine traute sich in dieser Welle der Sympathie wieder nach oben zu schauen und geht jetzt jeden Montag sehr gerne zum "Kreativen Kindertanz".

Nadine besucht jetzt schon drei Jahre dieTobiasschule in Bremen. Das ist eine Waldorfschule für lernbehinderte Kinder. In jeder Klasse sind auch immer ein bis zwei Kinder mit DOWN-Syndrom.
Nadine fühlt sich dort sehr wohl. Sie hat einen besonders netten Klassenlehrer, der sich gut auf die Kinder einstellen kann.
Nadine hat schon eine ganze Menge gelernt. Zu Beginn der zweiten Klasse konnte sie mit Zweitklässlern aus "normalen" Grundschule im Entziffern der Fragen für eine Schnitzeljagd noch ganz gut mithalten.
In Nadines Klasse herrscht eine sehr gute Klassengemein- schaft. Ein- oder zweimal im Jahr treffen der sich der Lehrer und alle Eltern mit ihren Kindern.
Ich freue mich immer wieder, wenn ich sehe, wie sie ihren Oskar oder Jan-Rasmus liebt und welch eine Zuneigung sie nicht nur von den beiden Kindern aus der Klasse zurückerhält. Zu Oskar fährt sie manchmal schon von der Schule aus und bleibt bei ihm über Nacht. Am nächsten Morgen bringt Oskars Mutter die Beiden dann in die Schule.
Jetzt im Urlaub musste Nadine ihren Schulranzen mit allen Heften aus der zweiten Klasse dabei haben. Manchmal holt sie ihn sich her und arbeitet darin. Sie hat soviel gelernt!


Ein paar "Geschichten":

Es soll aufhören zu regnen!

Oskar (Junge mit DS) besucht seine Schulfreundin Nadine. Sie machen das Radio an. Er tut so, als ob er Gitarre spielt, sie tanzt. Die Mutter geht in den Nebenraum.
Nach einigen Minuten kommt das Mädchen zu ihrer Mutter, ganz traurig darüber, dass der Freund das Radio ausgestellt hat.

"Weshalb hast Du denn das Radio ausgestellt?"
"Die reden da immer von Regenschauern. Immer nur Regenschauer, das kann ich nicht mehr hören! Das soll nicht mehr regnen, darum habe ich das Radio ausgemacht!"

So tanzt man aber!

Eine Weile später kommen mein Mann und ich in den Raum! Nadine und Oskar tanzen eng umschlungen mit
einem Dauerkuss!

Auf unsere erstaunten Blicke sagt Oskar:
"So tanzt man eben!"
Wir zeigen, wie "man" auch tanzen kann, genauso eng
aneinander geschmiegt, ohne Dauerkuss.

"Wir beide tanzen aber so!"


"Nordby, nein . . . Papa . . . sagt!"

Nadine (8 ½ J.) hat kurz vor den Sommerferien Fahrrad fahren gelernt.

Nadine ist immer mit ihrem kleinen Fahrrad zum Spielplatz (auf demCampingplatz) gefahren. Dort ist sie ganz oft auf dem Hüpfkissen oder dem Trampolin gesprungen.

Nach Nordby (die etwa 3 Kilometer entfernte Stadt) fährt Nadine nicht mehr allein mit ihrem Fahrrad. Das hat sie einmal gemacht.

Sie wollte ihrer Freundin Mette nachfahren. Mette durfte allein zum Reiterhof fahren. Sie hatte aber nicht bemerkt, dass
Nadine ihr nachgefahren war. Nadine hatte Mette aus den Augen verloren.

Eine nette Dänin hat Nadine wieder zum Campingplatz zurück gebracht. Da Nadine sehr undeutlich spricht, fragen wir uns, wie die beiden sich wohl verständigt haben.

Nadine fährt jetzt nicht mehr allein nach Nordby, da
brauchen wir keine Angst zu haben, denn:
"Nordby, nein . . . Papa . . . sagt!"



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