Das besondere Buch
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Kai freut sich Rosi Nieder
Kai freut sich
ISBN 3-89906-195-0
Videel Verlag Niebüll

Rosi Nieder erzählt in heiterer und unbeschwerter Art aus dem Leben ihres Sohnes mit Down-Syndrom. Sie vermittelt dabei die Lebensfreude und Zufriedenheit ihres Kindes.

Kai`s kindliche Freude an lustigen Scherzen, kleinen Aufmerksamkeiten und vielen normalen Alltäglichkeiten, sein Wohlfühlen in der familiären Gemeinschaft und im Freundeskreis zeigt uns den Weg, die kleinen Freuden des Lebens, das tägliche kleine Glück, intensiver zu erfahren und zu genießen.
Leseprobe:

Silvester 2000

Da tanzt er nun, unser Kai, er freut sich und hat Spaß. Drei Stunden hat unser tolles 6-gängiges Silvestermenü gedauert, es hat hervorragend geschmeckt und auch Kai hat all die guten Speisen genossen. Nun endlich darf er sich bewegen, die Tanzmusik spielt flotte Rockmusik und Kai hat sich zwischen ein paar junge Leute geschoben und macht wilde Verrenkungen. Auch mein Mann Theo und ich gesellen uns zu den Leuten auf der Tanzfläche, so dass wir immer ein Auge auf Kai haben. Das ist ein richtig schönes Silvesterfest. Mit drei befreundeten Ehepaaren und unserem Sohn Kai verbringen wir ein Silvester-Wochenende in einem Hotel in Ostbelgien - machen Spaziergänge durch den frisch gefallenen Schnee, gehen schön essen, reden und haben Spaß. Kai ist 21 Jahre alt.
Sie denken jetzt sicher, das ist aber merkwürdig, wenn ein 21 jähriger junger Mann mit seinen Eltern und deren Freunden zu einem Kurzurlaub fährt und das über den Jahreswechsel. Eigentlich wäre es normal, dass ein Junge in seinem Alter mit seinen Freunden in die Disco geht oder eine wilde Party feiert an Silvester. Aber bei Kai ist alles nicht so normal, Kai ist anders, er hat das Down-Syndrom - früher sagte man - er ist mongoloid. Sicher kann man sich auch die Frage stellen - was ist schon normal? Ist es normaler, wenn sich junge Leute mit Alkohol oder Drogen zudröhnen, wenn sie Extrem-Sportarten ausüben oder m Seilen von Brücken springen, um ihre Grenzen auszuloten, wenn sie private Autorennen austragen und dabei Menschenleben gefährden, auffahrende Züge aufspringen usw. usw.?
luf jeden Fall ist es für uns Eltern eines Down-Kindes normal, unseren Sohn überall hin mitzunehmen, ihm so viel Lebensfreude vie möglich zu geben, ihm Wärme und Geborgenheit in der Familie zu vermitteln. Und so freuen wir uns, einmal ein etwas anderes Silvesterfest zu erleben. Wir freuen uns, dass Kai seinen Spaß hat und wir freuen uns, dass unsere Freunde so gut mit Kai umgehen können. Es ist nicht immer ganz einfach, ihn in eine Unterhaltung mit einzubeziehen, weil er da geistig oft nicht folgen kann. Weil er aber auch etwas zum Gespräch beitragen will, erzählt er ab und zu etwas über seinen Liebling Tabaluga, seine geliebten Walfische oder über irgendwelche bösen Schulkollegen, die ihn immer ärgern. Unsere Freunde kennen das und gehen auf ihn ein. Besonders sein spezieller Freund Artur (seit der Opa geworden ist, nennt Kai ihn nur noch : mein Freund Opa). Er hat einen ganz besonderen Draht zu Kai. Seit Kai mit ihm eine Tour mit dem Motorroller machen durfte, hat er ihn besonders ins Herz geschlossen. Weil Opa auch mit zur Silvesterreise kam, ist Kai auch besonders gerne mitgefahren.
Aber so gut es Kai auch oft im Urlaub gefallt, er freut sich immer ganz besonders, wieder nach Hause zu kommen. Zu Hause, das ist unser Haus in einem kleinen Eifeldorf, zu Hause, das ist unsere Familie:
Da ist mein Mann Theo, er ist mit 1,92 m der größte der Familie. Er ist Lehrer an einer Hauptschule, begeisterter Leichtathletik-Trainer und selbst ein sehr guter Hochspringer (Europameister 2000 in der Seniorenklasse 50).
Da bin ich, Rosi, als Ehefrau und Mutter organisiere ich den Haushalt, verwöhne meine Lieben, halte mich sportlich etwas fit, leite ein paar Sportgruppen und schreibe gerne.
Unsere Tochter Dana, geb. 1976, besuchte das Gymnasium, ist jetzt Bankkauffrau und wohnt in unserer separaten Anbauwohnung, hat aber noch vollen Familienanschluss, d. h. Essen und Wäsche im Hotel Mama. Sie reitet, singt und ist unter Freundinnen begehrte Kummertante.
Judith, unser Nesthäkchen, geb. 1981, macht in diesem Jahr ihr Abitur. Sie ist eine gute Sängerin, singt in einer Rock-Band und möchte Musik studieren. Bis dahin ist sie auch noch bei uns zu Hause.
Ja und nicht zuletzt unser Familienmittelpunkt, unser Sonnenschein Kai,  geb. 1979 mit Down-Syndrom, heute ein liebenswerter junger Mann mit beschränkten geistigen Fähigkeiten.
Um ihn dreht es sich eigentlich, nicht nur in diesem Buch -nein auch in unserer Familie. Als er klein war, war er so wild und unbändig, dass er einfach die Aufmerksamkeit aller an sich gerissen hat. Jetzt wo er größer und viel ruhiger geworden ist, ist auch die Aufmerksamkeit eine andere geworden. Es kann sein, dass wir etwas zu sehr die Hand über ihn halten, denn wir lassen ihn selten allein. Wenn - dann nur für kurze Zeit. Es ist einfach so, dass man nie weiß, wie er in einer unvorhersehbaren Situation reagieren würde. Deshalb organisieren wir seit Jahren unsere Familie so, dass Kai nie alleine zu Hause ist.
Kai geht noch das letzte Jahr zur Schule und wird dann in die Behinderten-Werkstatt wechseln. Dann geht das richtige Erwachsenen-Leben für ihn los - für ihn - der eigentlich immer ein Kind bleiben wird. Leute mit Down-Syndrom altern zwar Irgendwann äußerlich, aber innerlich bleiben sie Kind. Ihre geistigen Fähigkeiten sind unterschiedlich. Ich habe von Down-Kindern gehört, die Lesen und Schreiben können und auch von welchen, die irgendwann selbständig leben können. Unser Kai kann seinen Namen schreiben und kann im Computer die Namen seiner Familie und Freunde tippen. Er erkennt einige Buchstaben und viele Logos, aber er wird nie lesen können. Eltern eines Down-Kindes ergeht es nicht anders als normalen anderen Eltern: man sieht andere Kinder, die besser und schlauer sind und denkt ein wenig mit Eifersucht - warum kann mein Kind das nicht auch - was habe ich falschgemacht - unterlassen - nicht genug gefördert? Aber die Begabungen sind nun einmal sehr unterschiedlich und das ist auch bei Down-Kindern nicht anders. Ich bin mittlerweile davon überzeugt, dass es das Beste für mein Kind ist, es so zu akzeptieren wie es ist. Das Wichtigste ist doch, die Lebensfreude zu haben. Ich glaube kaum, dass unser Kai glücklicher im Leben wäre, wenn er Lesen und Schreiben könnte. Er ist sehr glücklich in seinem Leben, wenn die Mensche in seiner Umgebung ihn akzeptieren und lieb und freundlich zu ihm sind. Und er hat ein spezielles Gefühl dafür, Leute einzuschätzen. So habe ich meinen Töchtern den Rat gegeben ihre Freunde mit nach Hause zu bringen und zu sehen, wie si mit Kai zurechtkommen bzw. wie Kai mit ihnen auskommt. Da sagt eine ganze Menge aus über den Charakter eines Menscher Natürlich ist es auch so, dass Leute, die noch nie Kontakt mit Behinderten hatten, eine gewisse Berührungsangst aufweisen aber Kai geht meistens so unbefangen auf Leute zu, dass ein solche Berührungsangst gleich weg ist. Wenn Kai aber keinen Zugang zu einem Menschen findet, dann stimmt auch meisten irgendetwas nicht.
Ich glaube, dass unsere Familie durch Kai einen besonderer Zusammenhalt entwickelt hat. Kai ist immer besonders froh, wenn alle gemeinsam am Esstisch sitzen. Besonders am Wochenende gefällt es ihm gar nicht, wenn jemand fehlt. Ich weiß, dass sich das in naher Zukunft schnell ändern kann, denn die Mädchen sind schnell flügge und werden irgendwann den Familienverbund verlassen, aber jetzt genießen wir noch die Zeit, in der die Familie zusammen ist. Wenn einer von uns ein paar Tage weg war und nach Hause kommt, dann gibt es keinen, der sich mehr freut als Kai. Und Kai kann das so wunderschön zeigen. Es gibt eine herzliche Umarmung, ein Küsschen und die Worte: „Ich freu mich, dass du wieder da bist!" Man fühlt sich dann so herzlich willkommen, so dass man eine tiefe Freude verspürt.
Kai fährt auch gerne mit uns in Urlaub, aber er zählt immer, wie viele Nächte wir noch schlafen und dann nach Hause fahren. Kommen wir dann nach Hause, ist er der glücklichste: „Ich freu' mich"!
Damals, als wir eine junge Familie waren und als Kai zur Welt kam, hätte ich nie gedacht, dass ich bzw. wir als Familie jemals so glücklich und zufrieden würden wie wir es jetzt sind.