Das besondere Buch
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Buch: Regenbogenkind Edith Schreiber-Wicke
REGENBOGENKIND
ISBN 3 522 17298 1 )
Thienemann-Verlag Stuttgart

Leseprobe

Regenbogenzeit 1
Regenbogenzeit. Das ist die Zeit, die wir im Land unter dem Regenbogen verbringen. Jeder von uns. Die Zeit, in der wir uns vorbereiten auf die große, spannende Lebensreise. In der wir uns Aufgaben aussuchen. Schwierige oder auch leichte. Je nachdem, wie mutig wir sind. Auf jeden Fall aber Aufgaben, mit denen wir etwas verbessern wollen. Denn jeder - wirklich jeder beginnt seine Lebensreise mit den allerbesten Vorsätzen. Leider vergessen manche diese Vorsätze völlig, wenn sie erst einmal unterwegs sind.

Hier im Land unter dem Regenbogen beginnt unsere Geschichte.

Die fünf waren zusammengetroffen, in diesem Raum aus flirrendem farbigen Licht.
"Ich weiß schon, was ich werden will", sagte Marie. "Ich werde Erfinderin. Was ich erfinde, wird eine ganze Menge da unten auf der Erde verändern."
"Am wichtigsten ist es, Gefühle zu verändern", sagte Arthur. "Das geht nicht gut mit Erfindungen. Das funktioniert am besten mit Gedichten."
"Gedichte sind doch nur aus Worten gemacht", meinte Vincent ein wenig abschätzig. "Gefühle brauchen Bilder. Ich werde Bilder malen, über die sie da unten staunen werden."
"In Bildern kann sich niemand selbst wieder erkennen", sagte Julia. "Man muss ihnen vorspielen, was sie falsch machen. Auf einer Bühne." Sie schnitt eine finstere Grimasse. Alle lachten. Alle bis auf Naomi. Naomi war beschäftigt. Sie tauchte eine Hand in den Regenbogen und betrachtete interessiert, wie das Licht ihre Finger bunt färbte.
"Und du, Naomi?", fragte Marie. Naomi sagte noch immer nichts. Sie stellte sich mitten in den Regenbogen und stand da wie unter einer Dusche aus farbigem Licht. Sie schloss die Augen und hielt ihr Gesicht den Strahlen entgegen. Naomi lächelte.

Regenbogenzeit 2

"Naomi!", sagte Marie jetzt etwas lauter. "Du hast uns noch nicht gesagt, was du vorhast."
"Ich nehme eine Farbdusche", sagte Naomi. "Das seht ihr doch."
"Nein, später dann, wenn du unterwegs bist." Marie deutete dorthin, wo das Ende des Regenbogens in bläulichem Dunst verschwand.
"Ach so, das." Naomi schaute in die ernsten, aufmerksamen Gesichter der anderen. Sie lächelte noch immer. "Was ich will? Ich will, dass jeder, der mir begegnet, darüber nachdenkt, was wirklich wichtig ist", sagte sie leichthin.
"Jeder?", wunderte sich Vincent. "Das sind aber ziemlich viele."
"Jeder?" Arthur schüttelte den Kopf. "Das ist unmöglich. "
"Wirklich jeder?", fragte Julia ungläubig.
"Jeder?", wiederholte Marie. "Wie soll das gehen?"
"Das ist einfach", sagte Naomi fröhlich. "Ich muss nur ein kleines bisschen anders sein."
"Anders? Wie anders?", fragte Marie.
"Na, grünhaarig vielleicht", sagte Naomi vergnügt. "Oder violettäugig. Oder überhaupt ganz und gar regenbogenfarbig. Wär das nicht witzig?"
Marie fand es offensichtlich nicht witzig. "Anders sein? Hast du dir das auch gut überlegt?", fragte sie besorgt.
Naomi nickte.
"Und wenn deine Eltern kein Kind wollen, das anders ist?", fragte Arthur.
Für einen Augenblick wurde Naomi ernst. Kummer sollte kein Mensch wegen ihr haben. Schon gar nicht die Familie, die sie sich ausgesucht hatte.
Es waren nämlich ausgesprochen nette Eltern.
Und ein Bruder, der sowieso gerade ein Problem hatte.



Jutta Liebetruth
Ich habe „das Regenbogenkind“ sehr gern gelesen. Es ist spannend geschrieben (verstärkt durch die zwei Erzählebenen), man legt es erst dann wieder aus der Hand, wenn man es durchgelesen hat.
Überlegungen, die unmittelbar nach der Geburt eines Kindes mit DOWN-Syndrom wohl jeder anstellt, sind gut nachempfunden auch aus der Sicht des Bruders beschrieben. Hier wird sehr deutlich, auch wenn es nicht explizit ausgeschrieben ist, das mit einem behinderten Kind in der Familie andere Lebensinhalte wichtig sind.

Nach einer so einfühlsamen Darstellung haben wir in unserem Arbeitskreis schon lange Ausschau gehalten.
Den Geschwistern und Großeltern aus unserem Arbeitskreis, denen wir das Buch weiter gegeben haben, lasen es gern.
Wir werden es den Eltern weitergeben, die gerade ein Kind mit DOWN-Syndrom bekommen haben.