Das besondere Buch
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Inge Aicher-Scholl - Eva Inge Aicher-Scholl,
Eva
ISBN3-925295-18-6
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Wir möchten Ihnen ein besonderes Buch vorstellen.
Inge Aicher-Scholl beschreibt in "Eva" das Leben mit ihrer Tochter Eva, die 1953 geboren wurde.

Hier die Vorbemerkung der Autorin:

Kürzlich rief mich eine Freundin an und teilte mir außer sich vor Erregung mit, daß in ihrem Freundeskreis ein mongoloides Kind zur Weit gekommen sei. "Wir hatten uns alle so auf dieses Kind gefreut - und jetzt herrscht totale Ratlosigkeit und Bedrückung. Keiner von uns wagt, mit den Eltern zu sprechen." "Wissen es die Eltern?" "Ja, sie sind ganz und gar niedergedrückt." "Ihr müßt mit ihnen sprechen. Gerade jetzt muß sich eure Freundschaft bewähren."

Schlagartig tritt mir meine eigene Situation von damals vor Augen. Als unser Evchen zur Weit kam und uns noch einem langen, durch qualvolle Unsicherheit beunruhigten Jahr klar wurde, daß sie von diesem Leiden gezeichnet war, da stand hinter der eigentlichen Tatsache, die uns schwer genug traf, das Gespenst einer Gesellschaft auf, für die solche Kinder tabu waren; genauer gesagt, unsere Freunde und Bekannten, die Berufskollegen und der große Kreis von Menschen, der uns tangierte, und die nun alle fragen würden, wie sich nun unser neuer Weltbürger entwickle. Was sollte man ihnen darauf antworten, wo man doch selbst in einer schrecklichen Sprachlosigkeit gefangen war. Die fast sachlich gesprochenen Worte meines Mannes: " Wie seltsam das Leben ist", kennzeichneten die Unfaßbarkeit eines solchen Ereignisses.

Es war unser erstes Kind und, wie bei vielen Eltern, als solches mit unbeschreibbarer Freude erwartet. Und nun dieses Gebrechen.

Wir suchten einen Arzt in München auf, den uns unser örtlicher Kinderarzt empfohlen hatte. Von ihm erfuhren wir Genaueres. Daß das Grundübel nicht heilbar sei, daß wir jedoch durch Diät und gewisse Vitamin- und Hormonpräparate Erleichterung bei lästigen Nebenwirkungen der Krankheit erzielen und die Entwicklung des Kindes unterstützen könnten. Wir sollten nicht aufgeben, nicht nachlassen, dieses Kind optimal zu fördern, Und dazu gehöre, daß man es um Gottes Willen nicht vor den Leuten verstecke, sondern es teilnehmen lasse, wo immer sich eine Gelegenheit ergebe.

Die Tatsache, daß wir Oberhaupt etwas für das Kind tun konnten, wirkte befreiend. Wir lernten, es anzunehmen, so wie es war. An diesem Abend, nach der Aussprache mit dem Arzt, die uns die volle Wahrheit bewußt machte, besuchten wir ein kleines Jazzlokal, wo man tanzen konnte. Wir versuchten, unser Gleichgewicht wiederzufinden, und aus der Isolierung, in die ein solches Schicksal einen zu stoßen scheint, herauszutreten. Indessen schlief unser Evchen wohlbehütet und voll angenommen im Hause meiner Mutter.

Meine Mutter war es auch, die mir bald darauf in einem Brief schrieb: "Du wirst vielleicht nichts Besonderes von diesem Kind erwarten können. Eines aber ist sicher. Es wird Dich bedingungslos und ohne jede Berechnung lieben. Und das ist viel."

Das Telefongespräch mit meiner Freundin rief mir die Ratlosigkeit, die Sorge, das Weh um dieses Kind in Erinnerung. Ich sah mich wieder in die Kinderwagen anderer Mütter schauen und Vergleiche anstellen. Das ungeduldige Warten auf das erste Lächeln, das auf seinem Gesichtchen erst erschien, als andere Babys schon lauthals jauchzten und erste Worte lallten Evchen konnte gerade mit großer Anstrengung auf dem Boden vorwärts rutschen, als andere gleichaltrige Kinder schon die ersten Schritte machten. Würde sie jemals den Löffel zum Mund fuhren können, würde sie je zur Toilette gehen, je Mama sagen können? Würde ich mit ihr einkaufen gehen dürfen, ihr kleine Arbeiten auftragen? Mit den Jahren konnten wir erleben, wie vieles Evchen tatsächlich erlernte, mit weichem Eifer und weich ergreifender Energie sie Bausteine menschlicher Selbständigkeit zustammentrug. Das ermutigte uns, und es machte uns geduldig. Wir lernten, unseren Gästen zu erklären, welches Gebrechen Evchen zu tragen hatte. Sie wurde von fast allen, die in unser Haus kamen, mit Bereitschaft akzeptiert und mit Aufmerksamkeit bedacht, man versuchte in den Gesprächen auf sie einzugehen, wenn sie auch oft nur mit einem rhythmischen Schaukeln des Oberkörpers ihre Befriedigung darüber äußern konnte. Sie führte das Besteck beim Essen mit solcher Grazie, daß sie bald ihren gesunden Geschwistern ein Vorbild sein konnte. Wir singen viel mit ihr, auch um auf dem Weg über die Musik ihr Sprachvermögen zu fördern. Sie lernte, selbst Schallplatten aufzulegen und verschtaff-te sich so ohne Hilfe anderer ein für sie äußerst wichtiges Lebenselement.- die Musik. Sie tanzte still dazu vor sich hin, und wir waren betroffen von der Schönheit ihrer Bewegungen. Sie fuhr begeistert mit ihrem Dreirad und das Schwimmen bereitete ihr ein unbeschreibliches Vergnügen (mit Hilfe von Schwimmgürteln um den Bauch und die Oberarme).

Es wäre jedoch falsch, nun Eltern, die mit dem Problem eines behinderten Kindes konfrontiert werden, eine harmlose Geschichte vorzumachen. Es bedurfte und bedarf einer immer neuen Anstrengung, neu auftretende Entwicklungsphasen anzugehen, sich mit neuen Problemen im Leben eines solchen Kindes vertraut zu machen. Auch an ihm geht die Schwierigkeit der Pubertät nicht vorüber.

Und da Evchen sich sprachlich kaum mitteilen kann, blieb manches rätselhaft. Solche Menschen sind wie geheimnisvolle Gärten, von einer dichten Hecke umgeben. Wir begriffen langsam, langsam, daßsolch ein Kind ein ganz anderes Maß an Zeit und Geduld benötigt als sogenannte normale Kinder, siebenmal siebzigmal Dafür schenkten uns die Ergebnisse und Fortschritte ein großes Maß an Freude, mochten sie für Außenstehende auch noch so unscheinbar sein. "Fertig" wird man mit einem solchen Kind nie, eine wirkliche Selbständigkeit und damit eine Ablösung von den Eltern ist unerreichbar. "Wir sind fürs Leben aneinandergekettet", schreibt Hourdin dem Sinne nach in seinem schönen Buch "Das Leid der Unschuldigen" über sein eigenes Kind.

Als Evchen 25 Jahre alt war und längst regelmäßig eine Beschützende Werkstatt besuchte, wurde mir diese absolute Abhängigkeit in ihrer ganzen Hörte bewußt. Sie traf nicht nur mich, sie traf genauso Evchen selbst, vielleicht noch stärker, wer kann das wissen. Ich beobachtete deutlich, wie sehr sie sich mühte, sie selbst zu sein. Diese Erkenntnis traf mich ähnlich schwer wie die erste Erfahrung, daß Evchen geistig behindert war. Diese zweite Erfahrung zu akzeptieren, voll und mit Konsequenzen, kostete genauso an Kraft wie einst die Einsicht zu bejahren, daß unser Kind nicht "normat" war.

"Diese Menschen sind eine Frage Gottes an uns", schreibt Hourdin. Dieses Wort hat mich ungeheuer bewegt und mir einen starken Auftrieb gegeben. Es kam im richtigen Augenblick. Und nun arbeite ich an meiner Antwort. Aber was fangen Eltern damit an, für die Gott etwas ganz und gar Unpersönliches, wenn nicht überhaupt Nichtexistentes ist?

Ich möchte deshalb eine andere Ebene der Ermutigung betreten. Seit unser Evchen zur Weit kam, hat sich die Einstellung der Gesellschaft und der Öffentlichkeit zu behinderten Menschen grundlegend geändert. Es begann mit der Selbsthilfeorganisation betroffener Eltern, der es zu danken ist, daß nun überall Sonderschulen und Beschützende Werkstätten entstanden sind. Der Respekt der Öffentlichkeit wurde geweckt. Der Schock angesichts solch "anderer" Menschen schwindet allmählich. Die Eltern sind nicht mehr ausgestoßen, wenn sie mit diesem schweren Problem befaßt werden. Sie können sich mit anderen Betroffenen und mit Verständnisvollen aussprechen.

Ein weiterer entscheidender Schritt in der Anerkennung und der gesellschaftlichen Integration Behinderter jeder Art und jeden Grades ist den Kriegsdienstverweigerem zu verdanken. Sie praktizieren durch ihren Zivildienst in Heimen und Sonderschulen nicht nur die Hilfe ansolchen Benachteiligten, sie sind einen Schritt weitergekommen, indem sie nämlich ein Einfühlungsvermögen, einen Respekt und eine Freundschaftlichkeit diesen "Außenseitern" entgegenbringen, die weit über die praktische Hilfe hinausgehen. Es ist beinahe ein Wunder, zu beobachten, mit welcher Fähigkeit zur Solidarität diese Zivildienstleistenden in der Regel mit diesen Menschen umgehen. Sie sind der Antwort gegenüber der Frage Gottes am nächsten gekommen, soweit ich dies beurteilen kann. Und da es eine relativ große Zahl ist, die noch diesem Zivildienst und noch der Berufsausbildung in den verschiedensten Bereichen des Lebens tätig sein werden, entsteht möglicherweise durch sie eine positive Atmosphäre, die es wiederum den Behinderten und ihren Eltern ermöglicht, sich ungezwungener, freier und menschlicher in der Umwelt zu bewegen und zu reagieren.

Ich denke, wir unterschätzen leicht solche Anstöße und Wirkungen. Sie machen keine Schlagzeilen wie Morde und Verbrechen. Aber sie bringen ein neues Element ins Zusammenleben unserer Gesellschaft. Im Wechseispiel von Toleranz, Gelassenheit, Mitempfinden und Solidarität verflüchtigen sich Begriffe wie Glück oder Unglück. Den"Norma1en" wird die eigene Entkrampfung zum Erlebnis.

Durch praktische Menschlichkeit entsteht eine Luft, die ich als ein Stück einer neuen Lebensqualität für alle bezeichnen möchte, nicht nur für die Behinderten. Denn das Glück des Lebens besteht zu einem wesentlichen Teil darin akzeptiert und verstanden, anerkannt und beteiligt zu werden.

Inge Aicher-Scholl, geboren am 11. August 1917 in Ingersheim, Mutter von Eva, gründete 1946 in Ulm die Volkshochschule, 1952 veröffentlichte sie "Die Weiße Rose", ein Buch über die gleichnamige Widerstandsgruppe, der ihre Geschwister Hans und Sophie Scholl angehörten. Beide wurden im Februar 1944 vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und hingerichtet.